Das Buch zur Krise: COVID-19: The Great Reset

von Reimund Schwarze
1. Dezember 2020

Dieser Beitrag ist in der Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht, Heft 4/2020, S. 522-525, erschienen. Er ist online in Kürze hier einzusehen.

Die COVID-19-Pandemie hat das System des modernen Kapitalismus auf einem Niveau herausgefordert, das mit dem des Zweiten Weltkriegs vergleichbar ist, und es ist zu erwarten, dass sie das System ebenso umfassend verändern wird. Es gibt keinen Weg zurück zu dem, was früher war; wir brauchen einen „großen Neustart“, doch die Frage ist, welcher Art. Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums und Senior-Autor dieses Bandes, plädiert für einen Stakeholder-Kapitalismus, der den heutigen Shareholder-Kapitalismus ersetzen soll. Trotz seines Titelversprechens bietet dieses Buch aber keinen Leitfaden zur Erreichung der vorgeschlagenen Neuordnung, sondern zeigt vielmehr alternative Formen auf, die diese Neuordnung annehmen kann. 

COVID-19: The Great Reset, von Klaus Schwab und Thierry Malleret
© World Economic Forum

Das Buch stellt zwar die traditionelle Wirtschaftslehre in Frage, folgt jedoch in seiner Argumentation der Disziplin, beginnend mit einer ausgiebigen Diskussion der globalen politischen und ökonomischen Wahlmöglichkeiten („Makro-Neustart“) untergliedert nach ökonomischen, sozialen, geopolitischen, ökologischen und technologischen „Resets“. Dem folgen, deutlich kürzer, Ausführungen zum „Mikro-Neustart“, zu den Entscheidungen, die Unternehmen treffen müssen, bis hin zum individuellen Neustart, worunter im Wesentlichen das Verbraucherverhalten diskutiert wird. Das Gemeinwesen als eine Instanz sozioökonomischer Aktivität wird dagegen nicht adressiert, obwohl ein aufkeimendes Nachbarschaftsdenken, ein neues soziales Mitgefühl durchaus prägend für die individuelle Reaktionen auf die Pandemie sind. 

Schwab und Malleret argumentieren, dass der Makro-Neustart von drei sich überschneidenden Merkmalen des gegenwärtigen Systems geprägt sein werde: 1) Interdependenz bzw. systemische Konnektivität, 2) Geschwindigkeit und 3) Komplexität. Alle drei Merkmale hätten bereits im alten Regime rapide zugenommen. Das erste betrifft die Verflechtung der Lieferketten und Informationsverflechtungen und wirkt sich beschleunigend auf die Verbreitung der Pandemie und ihrer weltwirtschaftlichen Folgen aber auch auf die Verbreitung von Informationen und Wissen aus. Das zweite Merkmal hat die Zeit zum zentralen Knappheitsgut gemacht. Die wirtschaftlichen und politischen Akteure werden immer ungeduldiger. Damit wächst die Volatilität auf den Finanzmärkten und im Abstimmungsverhalten. Das dritte ist ein Merkmal der Reaktionsmuster jedes gereiften Systems, einschließlich der Reaktion des jetzigen sozioökonomischen Systems auf die aktuelle Pandemie. Die Kombination dieser drei Merkmale, so die Autoren, führe zu einer „Quantenpolitik“ mit unvorhersehbaren Effekten, die die Pandemie zu einem “ Gelegenheitsfenster“ für einen kreativen Systemwandel mache.

Der wirtschaftliche Neustart beginnt mit der tiefsten Krise der Industriegeschichte. Was als lokale Epidemie im Dezember 2019 in Wuhan begann, hat sich zu einer globalen Pandemie entlang tief miteinander verflochtener Handels- und Austauschbeziehungen entwickelt. Die notwendigen Schließungen haben im zweiten Quartal 2020 zu Einbrüchen des Bruttoinlandsprodukts in den Industrieländern von 20-30% geführt. Zum Vergleich: Die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre und die Finanzkrise 2008/2009 führten jeweils zu einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um weniger als 10%. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt den weltweiten Verlust von Vollzeitarbeitsplätzen auf  140 Millionen bis 340 Millionen. Am stärksten davon betroffen sind informelle Arbeiter und Menschen in schlecht bezahlten Jobs, die bereits vor der Pandemie mit einem höheren Krankheitsrisiko und geringerer Arbeitsplatzsicherheit leben mussten. Es trifft also vor allem die Armen. Weit entfernt von der Wahrnehmung der Pandemie als „großer Gleichmacher“ hat die COVID-19-Krise die Segregation der Arbeitsmärkte, die Armut und Krankheit sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen ihnen deutlich verstärkt. Wenn das BIP weiterhin mit den derzeitigen Raten sinkt, können bis zu 580 Millionen Menschen weltweit in extreme Armut gedrängt werden. Dies aber führt nicht nur zu Not und Existenzangst bei den Betroffenen, sondern macht es ihnen auch schwer – wenn nicht gar unmöglich -, Anordnungen zum Lockdown und andere Maßnahmen zur Pandemieprävention zu befolgen. Was lernen wir daraus? Wohlstand und Gesundheit müssen bei Pandemien als komplementäre Ziele, nicht als Zielkonflikte betrachtet werden. 

Angesichts der sich abzeichnenden sozialen Verwerfungen fordern Schwab und Malleret eine Strategie der „integrativen Wiederbelebung“. Zu den zentralen Elementen dieses Re-Integrationsprogramms gehören: Kosteneffiziente Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt, soziale Sicherheitsnetze, erweiterte Arbeitslosenunterstützung bis hin zu einem universellen Grundeinkommen, Gemeinschaften mit einem hohen Maß an Vertrauen,  echte Solidarität und die Überwindung der  Kluft zwischen dem Marktwert und dem gesellschaftlichen Wert der Arbeit. Sie argumentieren, dass die Gesellschaft in der Zukunft „kaum akzeptieren wird, dass ein Star-Hedge-Fonds-Manager, der sich auf Leerverkäufe spezialisiert hat … ein Einkommen in Millionenhöhe pro Jahr erhalten kann, während eine Krankenschwester … nur einen verschwindend geringen Bruchteil davon verdient“ (S. 83). Die Alternative zu diesem Re-Integrationsprogramm wären, so die Autoren,  anhaltende, weltweite, systemgefährdende soziale Unruhen.

COVID-19 und die Klimakrise haben aus Sicht der Autoren einerseits mehrere Gemeinsamkeiten: Beide sind systemische Risiken; sie sind nichtlinear; die Verteilungswirkungen sind gravierend; sie sind globaler Natur und sie betreffen Länder und Menschen unverhältnismäßig stark. Dennoch bleiben wesentliche Unterschiede: Die Corona-Krise selbst kann nicht dazu beitragen, die Welt in eine kohlenstoffarme, grüne und widerstandsfähige (resiliente)  Zukunft zu führen. Auch wenn die Krise im März und April 2020 zu einer weltweiten Reduzierung der Kohlendioxidemissionen um bis zu 30% geführt hat und einige stark verschmutzte Städte wie Neu-Delhi endlich einmal „blauen Himmel“ melden konnten, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung den Trend des Klimawandels nicht umkehren werden.  Schwab und Malleret plädieren daher für eine mutige öko-soziale Neuausrichtung(??) nach dem Lockdown. Die Lage ist aus ihrer Sicht kritisch: Die bisher vorgelegten  Konjunkturpakete könnten dazu beitragen, die wirtschaftliche Entwicklung in Richtung einer kohlenstoffarmen und klimaresistenten Entwicklung voranzutreiben oder die alten nicht nachhaltigen Wirtschaftsstrukturen langfristig zu zementieren. 

Schwab und Malleret betrachten die Pandemie daher als ein „Gelegenheitsfenster“ für eine neue und bessere Zukunft. Zwar räumen sie ein, dass die Pandemie die wirtschaftlichen und finanziellen Erträge auf Jahre oder sogar Jahrzehnte drücken könnte, doch habe sie in aller Deutlichkeit gezeigt, dass der vermeintliche Widerspruch zwischen Gesundheits- oder Umweltschutz und Wirtschaftswachstum falsch ist. Dennoch gibt es in und nach der Pandemie neue Herausforderungen für die Steuer- und Geldpolitik. Die zunehmende Abhängigkeit von Arbeitskräften in essentiellen Bereichen wie dem Gesundheitsschutz und der sozialen Sicherheit muss zu einem Überdenken der Art und Weise führen, wie die Gewinne aus der Wirtschaftstätigkeit in Zukunft verteilt werden. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Rückgang der Tätigkeit kleiner Unternehmen haben viele Länder bereits dazu gezwungen, ihren Bürgern finanzielle Unterstützung zu gewähren, die nicht mit der Arbeit zusammenhängt. Dies, so glauben die Autoren, werde sich in Zukunft verstärken, so dass man nicht nur  national sondern auch  global über arbeitsunabhängige Grundeinkommen nachdenken müssen. 

Was den „Mikro-Neustart“, die  Ebene der Unternehmen angeht, hat COVID-19 den Wandel von einer „Just-in-time“-Produktionslogik hin zu einer „Just-in-Case“-Resilienz vorangetrieben. Dies ist die Gelegenheit, durch die der Stakeholder-Kapitalismus zum führenden Geschäftsmodell werden könnte. Es gibt Anzeichen dafür, dass dies einen bestehenden Trend stärkt, da Unternehmen, die sich zuvor schon von ökologischen, sozialen und Prinzipien der guten Unternehmensführung (ESG) haben leiten lassen, während der Pandemie ihre Rivalen abgehängt haben und Fonds, die nach diesen Prinzipien verwaltet werden, mehr Geld von Investoren akquiriert haben. 

Die Hoffnung auf eine konstruktive Neuausrichtung ergibt sich, so die Autoren, aus der Erwartung, dass „die Pandemie der breiten Öffentlichkeit auf dramatische Weise die Augen für die Schwere der Risiken im Zusammenhang mit der Umweltzerstörung und dem Klimawandel geöffnet hat“. (S. 238) Die Hoffnung darf jedoch nicht dadurch getrübt werden, dass die „unbedingte Voraussetzung für eine strukturelle Neuausrichtung eine stärkere Zusammenarbeit und Kooperation innerhalb und zwischen den Ländern dieser Welt“ ist. (S. 248) Die Neuausrichtung stützt sich auf Veränderungen in den individuellen Wahrnehmungen und den betrieblichen Prioritäten, aber diese einzelwirtschaftlichen Ziele können nicht ohne neue und bessere transnationale Beziehungen erreicht werden. Wie diese Beziehungen transformiert werden können, bleibt im Buch leider ungewiss, die Autoren bieten nicht mehr als die Hoffnung. 

Ein Fazit: „COVID-19: THE GREAT RESET“ ist ein Buch der großen Worte, der scharfen sozialen Anklagen und der ungewissen Hoffnung auf Besserung; ein Buch, das an die politische Moral appelliert, anstatt sich auf vermeintliche „Gesetzmäßigkeiten der Pandemie“ zu verlassen. Es ist eine Vorausschau, die aus dem sozialen Protest unterdrückter Minderheiten und der Jugend große Hoffnungen schöpft. Es ist ein Buch, das – trotz seiner Schwächen – eine breite Leserschaft finden wird, denn es bietet auch eine Hoffnung für die Reform des Systems des Kapitalismus, wenn es seine Logik verändert, wenn der Shareholder-Kapitalismus tatsächlich zum Stakeholder-Kapitalismus mutiert. 


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