Die Rückkehr des (Bio)Politischen

COVID-19 Impfzentrum © Wikimedia Commons

Warum nichts politischer ist, als der Umgang mit der Pandemie 

von Estela Schindel
11. März 2021

Anfang dieser Woche beklagte die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot in einem Gastbeitrag auf Deutschlandfunk Kultur einen „Verlust des Politischen“ durch die Covid-19-Pandemie. Sie warf der Politik vor, „für ein Virus das Politische schlechthin zu verspielen“ und bemängelte „die Regression des Politischen auf die Garantie der Gesundheit“.  In Anlehnung an Giorgio Agambens Homo Sacer warnt die Autorin vor einer durch die Corona-Krise ausgelösten Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der es nur noch um das bloße oder nackte Leben geht. Das nackte Leben aber sei präpolitisch und durch die Abwesenheit von Politik gekennzeichnet (1).

Genau das Gegenteil ist der Fall. Zumindest, wenn wir mit Giorgio Agamben und Michel Foucault (auf dessen Werk der italienische Philosoph aufbaut) Leben und Tod nicht als „natürliche“ Phänomene betrachten, die aus dem Bereich der politischen Macht herausfallen, sondern als ihren eigentlichen Kern. 

Foucault verortet die Geburt der Biopolitik in einer Entwicklung, die zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert stattfand, bei der das Recht der Souveränität, nämlich „sterben zu machen und leben zu lassen“, durch das Recht „leben zu machen und sterben zu lassen“ ergänzt und zunehmend ersetzt wurde (2). In dieser neuen Technologie der Macht, der Biopolitik, stehen nicht repressive Maßnahmen im Vordergrund, sondern die, die zur Produktivität und Steigerung des Lebens führen. Der Fokus liegt dabei sowohl auf dem individuellen Körper als auch auf der Bevölkerung als zugleich wissenschaftlichem und politischem Problem. Es findet eine Vereinnahmung des Lebens durch die Macht statt. Dazu gehören Geburten- und Sterberaten, die Kontrolle von Krankheiten und Epidemien sowie generell Maßnahmen, die zur Regulierung und Optimierung des Lebens und der Steigerung seiner Kräfte beitragen. Die Macht, so Foucault, greift nun ein, um „das Leben zu verbessern, seine Unfälle, Zufälle, Mangelerscheinungen zu kontrollieren“. Es geht darum, „das Leben aufzuwerten, seine Dauer zu verlängern, seine Möglichkeiten zu vervielfachen, Unfälle fern zu halten oder seine Mängel zu kompensieren“ (3).

In diesem Zusammenhang werden Hygiene und Gesundheit zu einer Staatsaufgabe. Mechanismen wie Systeme der Kranken- und Altersversicherung, Hygieneregeln, die die Lebensdauer der Bevölkerung optimieren sollen, oder die Regulierung der Fortpflanzung werden zu Staatsaufgaben. Es ist eine Machttechnologie, die den Körper und das Leben vereinnahmt und deren Gegenstand und Ziel das Leben ist: eine Verstaatlichung des Biologischen.

Diese Politisierung des nackten Lebens bildet, so Giorgio Agamben, das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien. In seinem viel rezipierten – und oft missverstandenen – Homo Sacer unterscheidet der Autor auf der Basis der zwei altgriechischen Begriffe für das Wort „Leben“ zwischen zōé, das die einfache Tatsache des Lebens meint, und bíos, das die Existenz mit Rechten des Bürgers  einer Polis beschreibt. Die beiden Dimensionen sind allerdings nicht vorgegeben, sondern gerade ihre Differenzierung durch die souveräne Macht ist die eigentliche biopolitische Operation. Die biologische ist nicht eine bereits existierende, „niedrigere“ und unpolitische Dimension des Lebens – denn jedes Leben soll für Agamben als politisch betrachtet werden –, sondern eine Kondition, die erst durch eben diese biopolitische Unterscheidung entsteht (4).

In den letzten Jahrzehnten war in vielen Teilen der Welt die Tendenz eines  Rückschritts der Rolle des Staates bei der Versorgung der Bevölkerung zu beobachten: Nach dem neoliberalen Paradigma soll sich der Wohlfahrtsstaat zurückziehen und immer mehr Lebensbereiche dem Markt oder den einzelnen Individuen überlassen werden. Die Pandemie hat allerdings gezeigt, dass für bestimmte Herausforderungen – und bei allen Missständen und logistischen Pannen, die den einzelnen Regierungen vorgeworfen werden können – die Rolle des Staates unverzichtbar zu sein scheint. Dessen biopolitische Ausrichtung wurde dabei deutlich: Die Pflege und der Erhalt des Lebens – individuell wie kollektiv – wurden zum zentralen Thema. Als viele ihn für überflüssig und redundant erklären wollten, war auf einmal der good old (biopolitische) Staat zurück. 

Macht das seine Aufgaben weniger politisch? Wird die Politik durch die Diskussion um den Umgang mit der Pandemie degradiert? Ganz und gar nicht. Bei Entscheidungen darüber, wer, wie, wann und von wem behandelt, getestet oder geimpft wird und bei welchen Inzidenzwerten welche Eindämmungsmaßnahmen einzuführen sind, geht es um eine Bewertung des Lebens im klarsten biopolitischen Sinne. Die Sorgen um die Belastbarkeit der Gesundheitssysteme oder die Priorisierung und Verteilung von Tests und Impfungen sind eben nicht unpolitische Themen, sondern solche, bei denen sich die Konflikte und Werte einer Gesellschaft am deutlichsten widerspiegeln. In jedem dieser Schritte wird das Leben bewertet und dadurch definiert: es findet eine biopolitische Regulierung statt. 

Die Entscheidungen über die Gesundheitsversorgung sowie über die Verteilung von Impfstoffen haben soziale und globale Ungleichheiten aufgezeigt. Denn wie Infrastruktur und Logistik organisiert werden, ist keine neutrale Sache, sondern Objekt und Ergebnis von politischen Auseinandersetzungen und Machtverhältnissen, die oft in eine ungleiche Gesundheitsversorgung münden.

Die politische Regression und die „Messung der politischen Verfasstheit einer Gesellschaft in epidemiologischen Richtwerten“ sind, so Ulrike Guérot in ihrem Beitrag, „buchstäblich [ein] Zivilisationsverlust“ denn das „reduziert das bürgerliche Dasein auf das Menschsein, auf die nackte Kreatur.“ Und diese sei „kein politischer Begriff.“ Ausgerechnet diese „nackte Kreatur“ aber ist nach Agamben eine äußerst politische Konstruktion. Denn kein Leben sollte als nicht vollwertig gelten. Zwischen beiden überhaupt zu unterscheiden, ist das Merkmal und die Gefahr der modernen (Bio)Politik.  

Am selben Tag von Ulrikes Guérots Gastbeitrag wurde beim selben Sender eine Vertreterin der Organisation Ärzte der Welt e.V. interviewt, die medizinische Versorgung für Menschen ohne Papiere in Deutschland anbietet. Das Interview macht darauf aufmerksam, dass Personen ohne geregelten Aufenthaltsstatus zwar Anspruch auf medizinische Versorgung haben, das zuständige Sozialamt aber nach einer Vorstellung verpflichtet ist, sie bei der Ausländerbehörde oder Polizei zu melden. Dies kann womöglich zu einer Abschiebung und zum Verlust der Existenzgrundlage in Deutschland führen. Dass Menschen ohne Papiere sich somit in der Position wiederfinden, zwischen dem Arztbesuch und einer drohenden Abschiebung entscheiden zu müssen, ist ein entlarvendes Beispiel dafür, wie die Unterscheidung zwischen dem bloßen, biologischen Überleben und dem qualifizierten Leben des Menschen durch gesetzliche Regelungen vorgenommen wird. Ausgerechnet diese Trennung, so Agamben, ist der Kern der modernen (Bio)Politik. 

Die Entscheidung, welchem Leben der Status als Bürger*in zugesprochen wird, und welchem das bloße menschliche, biologische Überleben gewährleistet werden soll, ist äußerst politisch. Somit ist Gesundheitspolitik keine „präpolitische“ oder degradierte Form des Politischen, die uns daran hindert, uns mit den „eigentlichen“ politischen Themen zu befassen. Vielmehr zeigt sie in der Pandemie die Machtverhältnisse und Spannungen einer Gesellschaft.

Wer behauptet, „die nackte Kreatur“ sei kein politischer Begriff hat nicht nur die Thesen Foucaults und Agambens missverstanden, er oder sie verkennt auch, dass die wahre Politik ihren echten Kern gerade dann zeigt, wenn das Leben auf dem Spiel steht.

Die Soziologin Estela Schindel ist wissenschaftliche Geschäftsführerin des IFES. Im Wintersemester 2021 bot sie das MA-Seminar Biopolitics. Foucault. Esposito. Agamben an.


(1) Giorgio Agamben, Homo sacer – Die souveräne Macht und das nackte Leben, Suhrkamp, 2002. 

(2) Michel Foucault, In Verteidigung der Gesellschaft – Vorlesungen am Collège de France 1975/1976, Suhrkamp, 2002, S. 284.

(3) Ibidem, S. 292; 300. 

(4) Zōé wird häufig fälschlicherweise mit dem „nackten Leben“ gleichgesetzt. Die Begriffe sind für Agamben jedoch nicht synonym: Das „nackte Leben“ ist eher als die „Zone der Ununterscheidbarkeit“, die sich zwischen bios und zōé öffnet, zu verstehen. In Worten von Susanne Lüdemann: „Die ursprüngliche politische Unterscheidung zwischen bios und zōé kollabiere in dem Maß, in dem das bloße Leben in der Moderne zum Gegenstand der Politik zu werden beginnt.“ S. Lüdemann, 2011, „Vom Unterscheiden. Zur Kritik der politischen Urteilskraft bei Hannah Arendt und Giorgio Agamben“, in: HannahArendt.net. Zeitschrift für politisches Denken, Bd. 6, Nr.1/2 (2011).

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