Kommunikation in und über die „Coronakrise“ als Gegenstand eines interdisziplinären Seminars

Bitte Maske tragen! © Christiane Barnickel

von Christiane Barnickel & Dorothea Horst
15. Dezember 2020

Im Frühjahr beklagte sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet öffentlich über sich ändernde Erkenntnisse und Handlungsempfehlungen durch Virolog*innen: Sie würden „alle paar Tage“ ihre Meinung ändern. Die Reaktionen auf diese Tirade fielen kritisch aus, nicht zuletzt aufgrund der darin zum Ausdruck gebrachten Vorstellung von Wissenschaft und Wissensherstellung im Sinne abrufbereiter, passgenauer und abschließender Universalantworten und -lösungen. Neben der damit verbundenen speziellen Logik von Wissenschaft und ihrer Relevanz für die Politik, offenbart Laschets Einlassung aber auch einen grundsätzlichen Umstand in der aktuellen Pandemie: Akteur*innen in Corona-Zeiten sind verstärkt vor so genannte „Entscheidungszumutungen“ gestellt, wie sie der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte nennt. Das gilt besonders für Politiker*innen, aber auch für andere Personen und Institutionen, die handlungsweisende Entscheidungen für verschiedene Gruppen von Menschen zu treffen haben: Schicken wir unsere Mitarbeiter*innen ins Home-Office? Lassen wir die Schulen offen? Stellen wir die universitäre Lehre auf digitale Formate um und in welchem Umfang? Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie in Form von Entscheidungen Gewissheiten schaffen müssen – und dies in einer Situation, die von Unsicherheit und (noch) ungesichertem Wissen geprägt ist, beispielsweise über Infektiosität, Infektionswege und möglichen Schutz vor dem Virus.


Krisen als Ordnungsumbrüche

Dieses Aufeinandertreffen von notwendigem wissens- und urteilsbasierten Handeln und hoher Unsicherheit und Kontingenz ist ein generelles Merkmal von „Krisen“. Als Umbruchsphasen von alten zu neuen (politischen, institutionellen, normativen) Ordnungen erweisen sie sich als vollkommen offen hinsichtlich ihrer Auslösung, Dauer und möglichen Ausgängen. Ob am Ende eine vollkommen neue Ordnung, eine geringfügige Veränderung des Alten oder sogar eine Wiederherstellung des status quo ante herauskommt, ist im Jetzt der Krise vollkommen ungewiss. Veränderte Praktiken und Ordnungen lassen sich am Beispiel von „Corona“ bereits beobachten: Das zuvor höfliche Begrüßungsritual des Handreichens wird als Infektionsrisiko nicht mehr gerne gesehen, die „Vermummung“ des Gesichts ist an vielen Orten des öffentlichen Raums eine Pflicht und mit einem leichten Kratzen im Hals zur Arbeit zu gehen ist nicht mehr Ausweis der besonderen Leistungsbereitschaft von Mitarbeiter*innen, sondern eine verantwortungslose Gefährdung der Kolleg*innen.


Krisen als sprachliche Konstruktion/Diskursphänomen

Dass eine gegenwärtige Situation überhaupt als „Krise“ wahrgenommen und erlebt wird, ist kein objektiver Umstand. Krisen, als bestehender Zustand mit bestimmten Merkmalen und eventuellen Ursachen, werden mittels Sprache her- und festgestellt. Dieser diagnostischen Funktion von Sprache in Krisen steht eine prognostische zur Seite: Was können – oder „müssen“ – wir tun, um der „Krise“ zu begegnen? Welchen Ausgang können wir mit welchen Maßnahmen herbeiführen? Und wer muss sich hierzu wie verhalten? Kommunikative Versuche, Antworten auf diese Fragen zu finden, lassen sich als Versuche der Kontingenzreduktion lesen. Politiker*innenstatements und Expert*innenerklärungen, aber auch massenmediale Aufbereitungen in Form von Grafiken, Schaubildern oder Sondersendungen liefern Deutungsangebote, die nach dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler und der Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler als „Gewissheitssurrogate“ in Zeiten der Ungewissheit bezeichnet werden können.


Krisen als Gegenstand eines interdisziplinären Seminars

Solche Prozesse des sprachlich-diskursiven Herstellens, Durchlaufens und Vermittelns von Krisen untersuchen die Studierenden des Seminars (Corona-)Krisenkommunikation am aktuellen Beispiel der „Coronakrise“ gemeinsam mit uns, einer Linguistin und einer Politikwissenschaftlerin. Ziel des dezidiert interdisziplinären Seminars ist es, ein multiperspektivisches Verständnis für Krisen und den, vor allem kommunikativen, Umgang mit ihnen zu erarbeiten.

In dem Seminar lernen die Studierenden der Bachelorstudiengänge Kulturwissenschaften sowie Recht und Politik, wie Krisen diskursiv und kommunikativ hervorgebracht, gedeutet und eingehegt werden. Dazu strukturiert sich das Seminar entlang dreier Kernthemen, die jeweils aus dem Blickwinkel der kommunikativen und diskursiven Konstruktion und Sinngebung beleuchtet werden:

  • Disruption und Stabilisierung (alter und neuer) Ordnungen in der (Corona-)Krise
  • Unsicherheit und Nichtwissen in der (Corona-)Krise
  • Gruppenkonstruktionen sowie Ein- und Ausschließungen in der (Corona-)Krise

Anhand von Narrativen, Wortneuschöpfungen und Metaphern, aber auch nicht-sprachlichen Praktiken soll nachvollzogen werden, wie die Corona-Krise konstruiert, gedeutet und mit Sinn versehen wird. Dafür ist zunächst grundlegend zu klären, wer in der Krisensituation überhaupt als Handlungs- und Deutungsinstanz auftritt: Wer spricht und wird gehört? Welche gesellschaftlichen Gruppen werden hingegen be-sprochen, können aber nicht selbst sprechen oder werden nicht gehört? Auf dieser Grundlage kann zum einen weiterführend untersucht werden, wie Diskursakteur*innen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen konstruieren und sie in Narrative einschreiben. Zu denken ist an die „Alltagshelden“, die „systemrelevanten Berufe“, die „Risikogruppen“ oder auch die „partywütigen Jugendlichen“, mit denen unter anderem auch Fragen der Schuld an und Solidarität in der aktuellen Krisensituation verknüpft wurden.

Zum anderen lassen sich im Sprachgebrauch und der Wortwahl von Diskursakteur*innen Prozesse der Sinnkonstruktion und Deutung der Corona-Krise beobachten und rekonstruieren. Wortschöpfungen wie „MuNaschu“, die „neue Normalität“ oder die Übernahme von Anglizismen und ihre Umdeutung – beispielsweise von „Social Distancing“ oder „HomeSchooling“ – legen Zeugnis davon ab, dass nicht einfach neue Wörter „auftauchen“, sondern dass sich Sprache hier situationsgebunden verändert und entwickelt, damit die aktuelle soziale Realität der Corona-Krise beschreib-, mitteil- und deutbar gemacht werden kann. Dies lässt sich auch an der Nutzung von Metaphern aufzeigen: Als Prototypen der Erschließung von abstrakten und komplexen Sachverhalten über konkrete und erfahrungsbasierte Begriffe machen sie Neues und Unbekanntes greif- und handhabbar, etwa das gehäufte Vorkommen von Krankheitsfällen im Sinne einer ‚Welle‘. Über die genannten drei sprachlich-kommunikativen Phänomene hinaus manifestieren sich Ordnungsumbrüche, Unsicherheit und Ein- und Ausschließungen auch über Verkörperungen der Krise in Alltagspraktiken und -umgebungen: Abstandmarkierungen, Warnhinweise oder auch Rituale des Begrüßens sind hier Beispiele.

Einige dieser genannten Beispiele erarbeiten wir im Seminar gemeinsam in – übrigens auch als Effekt der Corona-Situation – häufig digitalen Seminardiskussionen. Weitere Phänomene erforschen die Studierenden des Seminars (Corona-)Krisenkommunikation vertiefend als eigene empirische Fallstudien. Diese empirischen Analysen dokumentieren sie als Blogbeiträge, Podcasts und Videobeiträge und demonstrieren so auch die Bedeutung einer kulturwissenschaftlichen Perspektive – in ihrem Anwendungsbezug und als Debattenbeitrag zur Behandlung aktueller Fragen. 


Christiane Barnickel ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Europa-Studien. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich u. a. mit Legitimität und (Post)Demokratie, politischen Diskursen sowie der Rolle von (Nicht-)Wissen in der Politik. Von ihr zuletzt erschienen ist  der Beitrag Kritik und Normativität in der (empirischen) Legitimitätsforschung in der Politischen Vierteljahresschrift. 

Dorothea Horst ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sprachgebrauch und Multimodale Kommunikation. In ihrem Arbeitsbereich an der Schnittstelle zwischen Sprach- und Medienwissenschaft arbeitet sie u. a. zur Bedeutungsemergenz in multimodalen und audiovisuellen Sprachgebrauchs-formen und zu den Rollen von Medialität und Verkörperung für die Entstehung von Bedeutung. Zuletzt erschien ihr Beitrag Patterns Who Thinks With? Critical Cognitive Linguistics Between Language System and Language Use im Jahrbuch der Deutschen Gesellschaft für Kognitive Linguistik.

Christiane Barnickel (© Heide Fest) und Dorothea Horst (© Dorothea Horst)

Zitierte und weiterführende Literatur:

Korte, Karl-Rudolf (2011): Risiko als Regelfall. Über Entscheidungszumutungen in der Politik. In: Zeitschrift für Politikwissenschaft 21/3, S. 465–477.

Münkler, Herfried / Münkler, Marina (2020): Der Einbruch des Unvorhersehbaren und wir wir uns zukünftig darauf vorbereiten sollten. In: Kortmann, Bernd / Schulze, Günther G. (Hrsg.): Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der Pandemie – Perspektiven aus der Wissenschaft. Bielefeld: transcript, S. 101-108.

Androutsopoulos, Jannis (2020): Die Sprachlandschaft im Dispositiv der Pandemie. In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, 16/2-3, S. 290–299.

Klosa-Kückelhaus, Annette (2020): Von Dauerwellen und anderen Wellen in Coronazeiten. (https://www1.ids-mannheim.de/fileadmin/aktuell/Coronakrise/Klosa_wellen.pdf, Zugriff: 29.10.20).

Thomas, Trevor / Wilson, Annabelle / Tonkin, Emma / Miller, Emma R. / Ward, Paul R. (2020): How the Media Places Responsibility for the COVID-19 Pandemic-An Australian Media Analy-sis. In: Frontiers in public health, 8. online first.

Wengeler, Martin / Ziem, Alexander (2013). „Krisen“ als diskursgeschichtlicher Gegenstand. Zugänge, Fragestellungen, Konzepte. In: Wengeler, Martin / Ziem, Alexander (Hrsg.): Sprachliche Konstruktionen von Krisen. Bremen: Hempen, S. 1-18.

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