Risikomanagement in pluralen Gesellschaften

Unterteilung des Platzes vor der Westlichen Mauer in Jerusalem in „Kapseln“ während der Covid-19 Pandemie © Wikimedia Commons

von Valerie Müller-Huschke
22. April 2021

1986 fragte Ulrich Beck noch hypothetisch: „Können ganze Länder(gruppen) in Quarantäne gehalten werden?“ (1) Beck konstatierte seinerzeit der postmodernen Gesellschaft eine düstere Zukunft, in welcher die Modernisierung laufend neue Risiken produziert, welche die soziale Existenz bedrohen und langfristig das politische System in einen Zustand permanenter Krisenabwehr versetzen. Nun ist die COVID-19-Pandemie als Anwendungsfall eben dieser „Risikopolitik“ eingetroffen. Unter Rückgriff auf Beck proklamierte Andreas Reckwitz bereits im Frühjahr letzten Jahres den pandemischen Krisenmodus als neue Normalität und skizzierte die Konturen des spätmodernen Risikodispositivs (2).  In der Covid-19-Pandemie wird deutlich, dass Risikopolitik eine wissenschaftlich geleitete und wissenschaftlich legitimierte Politik ist, die auf einem engen Ineinandergreifen kollektiver und individueller Vorsorgemaßnahmen beruht (3). Staatliches Risikomanagement ist deswegen in besonderem Maße auf die Akzeptanz und Mitwirkung der Bevölkerung angewiesen. Doch was geschieht, wenn ein Teil der Bevölkerung das wissenschaftliche Wahrheitsmonopol nicht akzeptiert und die Kooperation verweigert? Reckwitz geht in seinen Überlegungen zur Risikopolitik von einer weitgehend homogenen Gesellschaft aus. Auf die Spaltungstendenzen vieler westlicher Gesellschaften verweist er nur als Quelle zukünftiger Risiken und übersieht, dass diese auch für das Management anderer Risiken eine entscheidende Vorbedingung darstellen.

Israel kann in dieser Frage als interessantes Fallbeispiel dienen. Das kleine Land am Mittelmeer machte im vergangenen Jahr wiederholt weltweit Schlagzeilen: Anfang 2020 frühzeitige Grenzschließungen, drei strikte Shutdowns, und zuletzt die erfolgreiche Impfkampagne. Doch auch das wiederholte Scheitern der israelischen Risikopolitik an kulturellen Gräben im Land hat breite Aufmerksamkeit erregt. Dafür stehen Bilder von abgeriegelten Stadtteilen, Demonstranten in der seriös-schwarzen Kluft der ultraorthodoxen Haredim und maskenlose Menschenmengen bei der Beerdingung eines haredi-Rabbiners (4). Mit einer Vielzahl an religiösen und ethnischen Gruppierungen ist die israelische Bevölkerung ein Extremfall von Pluralität.

Schon vor dem Eintreffen der ersten Covid-19-Welle (5) befürchteten Sozialwissenschaftler besondere Härten für die arabische (ca. 20% der Gesamtbevölkerung) und die ultraorthodoxe Minderheit (ca. 12%) im Land. Geringer sozioökonomischer Status, beengte Wohnverhältnissen und intensives Gemeinschaftsleben schienen beide Gruppen gleichermaßen zu vulnerablen Populationen zu machen. Die Befunde nach der ersten Welle fielen allerdings überraschend aus. Während die Morbidität und Mortalität der Ultraorthodoxen deutlich erhöht ausfiel, war die arabische Bevölkerung sogar weniger betroffen als die Gesamtbevölkerung (6). Ein Teil der Variation kann demografisch, durch geringere Mobilität und weniger Tests erklärt werden. Auffällig ist aber auch, dass die politischen Maßnahmen gegen Covid-19 in der arabischen Bevölkerung von Beginn an weitaus erfolgreicher umgesetzt wurden als in der ultraorthodoxen Minderheit.

Die zentralen Säulen dieser Covid-19-Politik in der ersten Welle (und auch in der späteren zweiten Welle im September) waren der komplette Shutdown in Verbindung mit einer umfassenden digitalen Informations- und Überwachungskampagne (7). Die arabische Bevölkerung ist gut in digitale Informationsstrukturen eingebunden und ist durch hohe Präsenz in Gesundheitsberufen offen für wissenschaftliche Begründungen der Hygienemaßnahmen. Dagegen trugen die kulturelle Abgeschlossenheit und Technologie-Abgewandheit der ultraorthodoxen Bevölkerung dazu bei, dass die staatliche Risikopolitik diesen Bevölkerungsteil nur schwer durchdrang. Die Haredim leben überwiegend in dichten Gemeinschaften mit wenig Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft, folgen auch kaum den konventionellen Medien. Informationen über das Virus und die Hygienemaßnahmen verbreiteten sich sehr langsam.

Vor allem aber haben innerhalb dieser Gemeinschaften die Rabbiner oft mehr Autorität als Regierung und Wissenschaft, so dass die Befolgung staatlicher Anordnung von der Unterstützung durch diese Anführer abhängig ist. Vor allem in der besonders konservativen chassidischen Strömung des ultraorthodoxen Judentums verweigerten viele dieser Anführer die Maßnahmen. Stattdessen kursierten konkurrierende Risikodefinitionen, welche die Krankheit als göttliche Strafe deuteten, der nur durch intensivierte religiöse Praxis beizukommen sei. Es hieß, der Verzicht auf das gemeinschaftliche Tora-Studium sei gefährlicher als die Erkrankung. In vielen ultraorthodoxen Wohngebieten blieben Synagogen und Tora-Schulen (yeshivot) geöffnet,  während das restliche Land längst im Shutdown war.

Dies israelische Regierung stand so vor einer Situation, in der ein Teil der Bevölkerung die kollektive und individuelle Gefahrenabwehr systematisch verweigerte. Sie reagierte Anfang April in dreierlei Weise: Erstens versuchte sie die fehlende Legitimation für die bereits beschlossenen Maßnahmen zu erwirken, indem die Informationskampagne an die kulturellen und medialen Gegebenheiten angepasst wurden und gezielt die Kooperation der religiösen Anführer ersucht wurde. Denn dort, wo letztere die Maßnahmen unterstützten, wurden sie auch von der Bevölkerung gut angenommen (8). Zweitens wurde durch verstärkte Testungen, Evakuierungen von Risikopatienten und eine Ausweitung der medizinischen und sozialen Unterstützungsdienste in ultraorthodoxen Gebieten aktiv auf die erhöhte Morbidität reagiert. Daneben trat als dritte, drastischere Maßnahme die Abriegelung von Gemeinden und Stadtteilen mit besonders hohen Inzidenzzahlen, die ebenfalls vor allem ultraorthodoxe Wohngebiete betraf. Während die vorangehenden beiden Maßnahmen vor allem darauf abzielten, das Risiko innerhalb der haredi-Gemeinschaften abzufedern, erscheint die dritte als Abkoppelung des Infektionsmanagement der nicht-konformen Bevölkerungsteile zum Schutz der umgebenden Mehrheitsgesellschaft. Mit diesen Maßnahmen gelang es schließlich, die Ausbreitung der ersten Welle einzudämmen, doch auch im zweiten und dritten Lockdown gab es immer wieder Verweigerungen und Proteste aus dem ultraorthodoxen Lager.

Die Haredim haben in Israel einen besonderen Status. Ihre ahistorische Lebensweise ist gesellschaftlich geschützt und sie verfügen über eine starke parteiliche Repräsentation in der Knesset und im Kabinett. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ist auf die Kooperation der ultraorthodoxen Parteien angewiesen, um mit seiner Likudpartei koalitionsfähig zu sein. Im Sommer führte dies u. a. dazu, dass er trotz strikter allgemeiner Reisebeschränkungen haredi-Pilgerreisen nach Osteuropa erlaubte. Derartige Ausnahmen befeuern den Unmut der nicht-orthodoxen Bevölkerung gegen Netanyahu, aber auch gegen die Haredim. Dadurch wird die ultraorthodoxe Lebensweise wird von der Pandemie und den Gegenmaßnahmen gleich doppelt in Frage gestellt. Wenn nach religiösen Feiertagen die Infektionszahlen steigen und der führende Epidemiologe des Landes die Haredi-Bevölkerung verantwortlich erklärt, wenn im Fernsehen Bilder von  brennenden Autos und maskenlosen Protestierenden in ultraorthodoxen Stadtteilen zu sehen sind, dann wächst das Unverständnis der nicht-orthodoxen Bevölkerung. Doch auch der innere Zusammenhalt der Haredim ist bedroht, wenn gemeinschaftsstiftende Institutionen über längere Zeiträume geschlossen bleiben müssen. Berichten zufolge sind einige Tora-Schüler bei der Wiedereröffnung der Yeshivot nach dem ersten Lockdown nicht zurückgekehrt. Damit wird die Frage der Compliance mit Hygiene-Maßnahmen auch zu einer Frage nach der geltenden Ordnung. Wie lange ließe sich in einer anhaltenden Pandemie die Lebensweise der Ultraorthodoxen aufrecht erhalten? Solange die Krankheit als göttliche Strafe erscheint, kann sie innerhalb des ultraorthodoxen Weltbildes verhandelt werden. Wenn die Maßnahmen der Regierung im Zuge der Pandemie-Bekämpfung über Weisungen der Tora und deren Auslegung durch die Rabbiner gestellt werden, stellt dies die Grundfesten dieses Weltbildes in Frage.

Tatsächlich liest sich der israelische Weg durch die COVID-19-Pandemie als ein anhaltendes Ringen zwischen Wissenschaft/Technologie und Religion/Tradition. Während die Regierung einerseits binnen kürzester Zeit eine effiziente Informations-Infrastruktur zur Nachverfolgung und Eindämmung von Infektionsketten aus dem Boden gestampft und die vielfach bewunderte Impfkampagne ins Leben gerufen hat, erwies sich andererseits wiederholt ihre Ohnmacht im Risikomanagement der ultraorthodoxen Minderheit im Land, die mit eben jenen Mitteln, die den Erfolg des Krisenmanagements gewährleisteten, nicht erreicht werden konnte. Die sozialen und politischen Folgen der Krise und auch des Krisenmanagements sind derzeit noch nicht abzusehen.

Die israelische Gesellschaft mag in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall sein. Dennoch wirft das Scheitern der COVID-19-Politik in der ultraorthodoxen Bevölkerung wesentliche Fragen auch für andere Staaten auf. Denn wenn die Prognosen von Reckwitz und Beck zutreffen, so dürfte die moderne Gesellschaft zukünftig in steigendem Maße auf politisches Risikomanagement angewiesen sein. Wenn diese Gesellschaft gleichzeitig zunehmend gespalten ist und daher die gemeinsamen kulturellen Grundlagen erodieren, auf der Risikodefinitionen ausgehandelt werden können; wenn überdies die staatliche Legitimität von wachsenden Teilen der Bevölkerung nicht (mehr) anerkannt wird, wie kann die Gesellschaft dann die Risiken bewältigen, die sie selbst hervorbringt? Angesichts wachsender Spaltungen in vielen westlichen Gesellschaften sollten diese bereits heute genau hinschauen, welche besonderen Herausforderungen das Risikomanagement in pluralen Gesellschaften mit sich bringt. Denn die moralische Frage, die Beck noch nicht stellen konnte, lautet: Darf man einzelne Teile der Bevölkerung in Quarantäne versetzen, weil sie der kollektiven Risikodefinition nicht folgen?


Valerie Müller-Huschke studiert an der Viadrina und der Universität Paris 8 den Doppelmaster Soziokulturelle Studien/Sciences sociales et culturelles. Sie hat einen BA in Soziologie von der Universität Heidelberg und das 1. Staatsexamen in Medizin. Neben dem Studium engagiert sich Valerie Müller-Huschke ehrenamtlich für den Neckarstadtblog in Mannheim.


(1) Beck, Ulrich (1986), S. 7f.

(2) Der Beitrag erschien zunächst im Tagesspiegel und später in erweiterter Fassung in Reckwitz, Andreas (2020).

(3) Beck beschrieb das paradoxe Verhältnis von Wissenschaft und Risiken: einerseits werden diese nicht selten durch wissenschaftlich-technische Errungenschaften hervorgebracht, andererseits bedarf es der Wissenschaft, um sie zu erkennen und Strategien zu ihrer Abwehr zu entwickeln.

(4) Vgl. u.a. BBC News (31.01.2021): Covid: Thousands attend Israel funeral for orthodox rabbi. URL: https://www.bbc.com/news/world-middle-east-55879745 , abgerufen am 5. April 2021.

(5) Durch die frühzeitige Grenzschließung ab Feststellung der ersten Infektionsfälle hatte das Land noch gut drei Wochen Zeit, bevor das exponentielle Wachstum begann. Vgl. Lesheml/Afek/Kreiss (2020).

(6) Vgl. Saban/Myers/Wilf-Miron (2020).

(7) So ließ die israelische Regierung in einer kontrovers diskutierten Entscheidung den Lockdown durch die Überwachung von privaten Smartphones kontrollieren. Auch das Gros der Krisenkommunikation an die Bevölkerung lief über das Internet und Handys, teilweise über social media. Zudem richtete das Gesundheitsministerium ein Corona-Dashboard im Internet ein, auf dem neben aktuellen Infektions- und Todeszahlen auch die Aufenthaltsorte von später positiv-Getesteten Personen abgebildet waren. Menschen, die möglicherweise mit einem Infizierten in Kontakt gekommen waren, konnten dies somit bereits vor der Einführung der israelischen Corona-Tracking-App feststellen und sich selbst in präventive Quarantäne begeben.

(8) Vgl. Waitzberg et al. (2020).


Literatur

Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Leshem, Eyal/Afek, Arnon/Kreiss, Yishtak (2020): Buying Time with COVID-19 Outbreak Response, Israel. In: Emerging Infectious Diseases 26(9): 2251-2253. URL: https://doi.org/10.3201/eid2609.201476.

Reckwitz, Andreas (2020): Risikopolitik. In: Volkmer, Michael / Werner, Karin (Hg.): Die Corona-Gesellschaft. Bielefeld: trancript. S. 241-251.

Saban, Mor/Myers, Vicki/Wilf-Miron, Rachel (2020): Coping with the COVID-19 Pandemic – the Role of Leadership in the Arab Ethnic Minority in Israel. International Journal for Equity in Health 19(1): 154. URL: https://doi.org/10.1186/s12939-020-01257-6.

Waitzberg, Ruth/Davidovitch, Nadav/Leibner, Gideon/Penn, Nadav/Brammli-Greenberg, Shuli (2020): Israel’s response to the COVID-19 pandemic: tailoring measures for vulnerable cultural minority populations. International Journal for Equity in Health 19(1): 71. URL: https://doi.org/10.1186/s12939-020-01191-7.

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